Busfahrt mit dem Bürgerverein Süderelbe e.V.
zum Bildungs-, Wissenschafts- und Erlebnispark BIONIK bei Nieklitz und nach Ludwigslust zur Besichtigung des
„Schloss Ludwigslust“ am 23. Juni 2011

Nieklitz liegt zwischen Zarrentin und Boizenburg, noch genauer südlich der Berliner Autobahn A24. Der Busfahrer wählte bei dieser für viele Teilnehmer sicherlich unbekannten Landschaft freundlicherweise eine Route über Landstraßen. Das Ziel war der Bildungs-, Wissenschafts- und Erlebnispark „Zukunftszentrum Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft (ZMTW)“

Sicherlich hatten die meisten Teilnehmer nur eine vage Vorstellung dessen, was wir dann dort bei einem Rundgang in dem 180.000 m² großen Freiland-Bereich von dem Dipl.-Biologen, Hans-Dieter Reinke, erklärt und vorgeführt bekamen. Der Themenschwerpunkt hieß: „Von der Natur lernen“ und wurde an vielen Beispielen erklärt. Welche Anregung gibt die Natur für den Menschen? Wenn die Natur technische Anregungen und Ideen gibt, wird dies als „Bionik“ oder im weiteren Sinn als „Ökotechnologie“ bezeichnet, eine eigene Wissenschaftsdisziplin, die das „von-der-Natur-lernen-Prinzip“ aufgreift, und im ZMTW im Sinne der „nachhaltigen Entwicklung“ eindrucksvoll erklärt.

Der von Herrn Reinke fachkundig geführte Rundgang begann am großen Ausstellungshaus mit angrenzenden Weihern, in denen u.a. Lotuspflanzen, Seerosen und Seekannen wachsen. Die davor postierten überdimensionierten Blütenblätter mit Farbabstufungen von weiß über hellgelb, orangerot und grün bis braun zeigen, welche Blütenpflanzenfarben die meisten Insekten in Mittelmeereuropa anlocken. Auch wir Menschen reagieren bei der Lieblingsfarbe bei entsprechenden Farbkontrasten.

Herr Reinke erklärte den Lotuseffekt vom Naturvorbild, dem Lotusblatt, bis hin zur Entwicklung von selbst reinigenden Hausfassaden, Glasoberflächen, Autolacken und textilen Oberflächen, die es zum Teil bereits gibt, bzw. in der Planung und Entwicklung sich befinden. Die Oberflächenstruktur eines Hais mit seiner strömungsgünstigen Schuppenstruktur könnte als mögliches Vorbild für die Oberflächenverkleidung eines Schiffsbugs oder auch als Stoffstruktur für Schwimmanzüge bei sportlichen Herausforderungen benutzt werden.

Eines der Großmodelle am Wegesrand zeigt einen 7 m hohen Weberknecht, ein langbeiniges Spinnentier, dessen Elastikstoffe (Resilin) in den Gelenken mögliches Vorbild für menschliche Gelenkprothesen oder technische Elastikstoffe sein könnten.

Herr Reinke führte uns weiter zum 4 m hohen Modell eines Termitenbaus einer Termitenart aus der afrikanischen Savanne. Hier erklärte er uns die geniale Lüftungs- und Klimatisierungstechnik der Termiten, wobei die Termiten beim Bau auch noch die entsprechende Himmelsrichtung berücksichtigen. Diese tierische Technik könnte Ideen für Lüftungstechniken im menschlichen Wohnungsbau liefern, wie dies in Afrika bei Hochhausbauten zum Teil bereits Berücksichtigung findet.

Interessant war auch die überdimensionierte Darstellung der Antenne einer Schwarmmücke als Beispiel für die Kommunikations-Ökotechnologie: Gereizte Fühlerhaare reagieren auf kleinste Schallausbreitungen und wären, technisch übertragen, hervorragend geeignet, Frequenzen von 300 – 100 Hz im Hinblick auf ihre Herkunft zu orten.

In den durch Stege begehbaren Arealen von gefährdeten Land-Lebensräumen, wie Hochmoor, Feuchtwiese, Trockenrasen, Erlenbruchwald usw. gab es einige der typischen Tier und Pflanzenarten dieser Lebensräume zu beobachten. Ein Reiher verharrte am Ufer eines der kleinen Gewässer. Er hat hier bestimmt keine Probleme mit dem Futter. Für ihn ist der Tisch reichlich gedeckt, das hörte man an dem Gequake der Frösche.

Dann führte Herr Reinke uns in den großen, zu diesem ganzen Areal gehörenden Wald und machte uns auf den oft durch menschliche Einflüsse, aber auch natürlicherweise verursachte Besonderheiden des Baumwuchs aufmerksam, z.B. Wucherungen am Stamm, krumme Verwachsungen – im ZMTW durch Rote Rahmen im Gelände zum Teil kenntlich gemacht. Wir wurden auch auf Modelle von großen Holzkugeln verschiedener Baumarten aufmerksam gemacht. Die unterschiedlichen (spezifischen) Gewichte der Massivkugeln unterschiedlicher Hölzer konnten wir im bereit stehenden Wasserbassin feststellen: Schwimmt diese Holzart oder geht sie unter?

Baumquerschnitte der eindrucksvollsten Bäume der Welt, natürlich nur als Modellbaumscheibe, z.B. vom Mammut-Baum mit einem maximalen Durchmesser von 11 m, die Eibe 9 m oder der Durchmesser der größten europäischen Eichen mit 3,50 m. Noch viele weitere Informationen über ausländische und heimische Baumarten waren in Informationsständen und auf Tafeln nachzulesen.

Sehr eindrucksvoll – und vielleicht einmalig – bietet ein Gang in einem 20–30 m langen unterirdischen Tunnel unterhalb des Waldes mit Sicht auf Wurzeln von 80-jährigen, darüber wachsenden Bäumen. Vorbei an Schautafeln, ausgestopften Kleinsttieren, Bodenproben ging es unter den herabhängenden Wurzelgeflechten wieder nach oben.

Hier verabschiedete Herr Reinke uns und jeder konnte noch andere Bereiche dieser Riesenanlage besuchen. Ich erinnere mich an wild wachsende schwarze und rote Johannisbeeren und Brombeeren, die einige von uns probierten. Wir steuerten noch die eine und andere Halle an, wie z.B. das „Haus der Düfte“, das zum Thema Pflanzendüfte und Duftwahrnehmung bei Tieren einige riechbare (olfaktorische) Eindrücke vermitteln konnte und weitere Schautafeln im Außengelände, z.B. über die Entwicklung vom Urmenschen in gebückter Haltung bis zum (nicht immer) aufrecht gehenden Menschen unserer heutigen Zeit.

Wir alle trafen dann im schön gestalteten Restaurant ein, viele hatten Hunger. Preiswert und gut war das Angebot. Mir hat der Flammkuchen besonders gut geschmeckt.

Nun folgte der zweite Teil des Ausfahrt: Schloss Ludwigslust. Die Fahrt ging wieder auf einsamen Landstraßen bis zum Ziel.

Hier war die Besichtigung wieder mit Führung durch das Schloss angesagt. Unser Schlossführer erzählte uns in angenehmer Weise - also keine runter geratterten Jahreszahlen, Baustile und Stammbäume - von der wechselvollen Geschichte des Schlosses, deren Bewohner und unterschiedlichen Nutzung. Das Schloss ist der Mittelpunkt einer noch heute vollständig erhaltenen barocken Stadtanlage. Dazu gehören Park, Schloss, Stadt, Kirche und - sehr schön - die Wasserkaskaden mit Bassin zwischen Schloss und Kirche.

Die Geschichte des Schlosses, wie wir es jetzt sehen, begann mit der Fertigstellung im Jahr 1776. Auftraggeber war der Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin, Sohn von Herzog Christian II. Ludwig, vom Vater also der Name des Schlosses. Nach einigem adeligen Hin und Her diente das Schloss ab etwa 1837 als Jagd- und Sommerresidenz. Dann ab 1920 war es teilweise ein Museum, später beherbergten es Kreis verwaltende Behörden. Heute, nach der teilweise durchgeführten Renovierung, ist es wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.
Beim Betreten des Schlosses staunt man über die Großzügigkeit des Foyers, an das sich seitlich große Treppenhäuser anschließen. Sie führen in die Festetage, wobei die Treppen in ihrer Breite dazu dienten, dem Rang der Besucher derart zu entsprechen, dass der Hausherr dem Gast huldvoll entgegen(herab)stieg, die Damen ungehindert in der Krinolinenzeit diese prachtvoll vorführen konnten. Wichtig war auch, dass gleichrangige Personen nebeneinander hinaufsteigen konnten, ohne das einer wie ein Lakai hinter dem anderen gehen musste.

Hier im ersten Obergeschoss befanden sich die herrschaftlichen Wohnräume, wobei der Herzog den Ost-, seine Gemahlin den Westflügel bewohnte. Im Mitteltrakt des Schlosses liegt der immer noch prächtige Goldene Saal, der sich über zwei Geschosse erstreckende Festsaal. Hier finden heute im Sommer festliche Konzerte statt.

Im Goldenen Saal und in weiteren historischen Räumen werden Möbel, Uhren, Gemälde, Büsten des 18. und 19. Jahrhunderts, wertvolles Porzellan u.a. gezeigt. Besonderer Aufmerksamkeit galt auch der Hinweis auf die Dekorationen aus Papiermaché, wobei es einen Unterschied zum Pappmaché gibt. Leider kann ich den nicht mehr erklären. Es gibt auch den Begriff „Ludwigsluster Carton“. Übrigens ist das Ergebnis dieser Herstellungsart witterungsbeständig.
Monumentale Säulen, prächtige Kristalllüster, große Spiegel und vergoldete Ornamente lassen diesen Festsaal immer noch in höfischem Glanz erstrahlen. Verblüffend echt anzusehen waren Wandleuchten, die lediglich durch die Schattenmalerei das Auge trügen.

An Gemälden mit Porträts der herzöglichen Bewohner, deren Kinder und weitere Mitglieder des Hochadels Mecklenburgs, als da wären von Herzog Friedrich und seiner Ehefrau Herzogin Luise Friederike, von Prinzessinnen, aber auch vom Hofbaumeister Busch und andere honorige Persönlichkeiten der Geschichte ist kein Mangel. Der Herr Hofbaumeister ist übrigens - im positiven Sinne - verantwortlich für das ganze barocke Ensemble inklusive der Kanal- und Kaskadenanlage.

Hingewiesen wurden wir beim Blick aus den Fenstern auf die rechts und links der breit angelegten Wasserkaskade schon damals gebauten Wohnungen für Handwerker und Dienerschaft. Leider drängt die Zeit, dass einige dieser Gebäude restauriert werden müssten.

Es war nur ein Teil des Schlosses zu besichtigen. Der größere (?) Teil war nicht zugänglich, weil, wie unser Schlossführer nach beendetem Rundgang sagte, dort erst noch mit den Restaurationsarbeiten begonnen werden muss. Aber alles in allem ein interessanter Eindruck höfischer Baukunst auf dem Lande.

Das schöne Wetter ließ es zu, dass wir auf der Terrasse des ehemaligen Jagdzimmers des Schlosscafés bei Eis, Kaffee, Tee und Kuchen diesen schönen, ereignisreichen Tag ausklingen lassen konnten.

Ich möchte noch erwähnen, dass ich in meinem Bericht oft auf Prospektmaterial zurückgreifen musste. Vielleicht habe ich trotzdem das eine und andere Erlebnis nicht erwähnt, weil vergessen.

Marlis Krogull