
Entwicklung der Patientenversorgung
in Neugraben
Zu diesem Thema hat der Vorstand des Bürgervereins Süderelbe e.V. den noch praktizierenden Arzt, Herrn Dr. Bode, am 14.04.2009, eingeladen. Etwa 45 Mitglieder des Vereins erschienen an diesem Abend und waren durchweg beeindruckt von dem, was Herr Dr. Bode aus der Sicht der Ärzte zu diesem Thema vorzutragen hatte. Er sprach aus eigener Erfahrung über die Entwicklung der kassenärztlichen Versorgung der Patienten und Vergütung der Ärzte.
Der Sorge der Zuhörer und Zuhörerinnen um eine vernünftige ärztliche Versorgung pflichtete Herr Dr. Bode bei. Für seine Praxis in der Marktpassage z.B., die er mit seiner Frau, auch Ärztin, aus Altersgründen zum 31.03.2009 aufgegeben hat, fand sich,
trotz 2-jähriger Bemühungen, bis heute noch kein Nachfolger. Und das, obwohl die Bereichsleiterin „Qualität und Sicherstellung der Kassenärztlichen Vereinigung“ (KV),
Frau Angelika Magas, u.a. zuständig für die ausreichende Ärzteversorgung in unserer Region am 9. März 2009 erklärte, dass man sich um einen Nachfolger bemühe. Seither sind Wochen ins Land gegangen. Wie sahen in dieser Zeit und sehen die Bemühungen der KV aus. Welche Ärzte wurden angeschrieben und haben abgelehnt? Und aus welchen Gründen abgelehnt? Sind Praxen im Süderelberaum unwirtschaftlich geworden? Warum?
Es mag daran liegen, dass im Süderelberaum die Patientenstruktur überwiegend Kassenpatienten eine andere ist als nördlich der Elbe. Ebenso unterschiedlich ist die Arztdichte. Zahlen können das belegen: 1 Arzt für 448 Patienten in Hamburg, 1 Arzt für 3.000 Patienten in Neugraben - und 1 Arzt für 1.500 Patienten in Fischbek. Das Einkommen eines Arztes ist umso höher, je mehr Privatpatienten er behandelt.
Nach einigen Änderungen der politisch, hier die sozialdemokratische Bundesgesundheits-ministerin Ulla Schmidt, zu verantwortenden Krankenkassenreformen wurde jetzt ein selbst für das Verständnis eines durchschnittlich intelligenten Bürgers schwer verständliches, sehr kompliziertes Punktwert-System errechnet. Im Ergebnis für den Hausarzt bedeutet das z.B. ein „Einkommen“ pro Quartal und Patient in Höhe von 38, €, egal wie oft der Patient in dem Quartal kommt. Fachärzte erhalten je nach Fachrichtung eine höhere Vergütung.
Herr Dr. Bode konnte anhand des von ihm vorgestellten Begriffs Regelleistungsvolumen d.h. Leistungsbedarfs (Behandlungsbedarf) pro Patient x Fallzahl x Orientierungswert die Vergütungsstruktur der Ärzte erläutern und erklären, warum durch die sogenannte Anpassungsregelung das Einkommen eines Arztes mit der Zunahme der Patienenzahl sinkt. Wie viel Idealismus muss ein Arzt aufbringen, weitere Patienten aus geschlossenen Praxen aufzunehmen?
Grundlage der aktuellen Reform ist der Gesundheitsfonds. Rund 200 Kassen überweisen die Beiträge ihrer mehr als 50 Millionen Mitglieder auf das bei der Frankfurter Bundesbank geführte Konto des Gesundheitsfonds. Ebenso überweist der Bund seinen Anteil. Dieser Fonds wird vom Bonner Bundesversicherungsamt (BVA) verwaltet und verteilt das Geld unter den einzelnen Kassen. Diese erhalten einen monatlich vorher festgelegten Betrag. Kommen sie damit nicht aus, bekommen sie auf Antrag einen zusätzlichen Betrag, den sie bei einem erwirtschafteten Überschuss zurückzahlen müssen.
Das Ganze funktioniert nach einem komplexen Verteilungsschlüssel, d.h. der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich berücksichtigt und unterscheidet Kassen mit jungen und gesunden Versicherten und Kassen mit alten, kranken und sozialschwachen Versicherungen. Erst dieser Mechanismus ermöglicht einen einheitlichen Beitragssatz, wie er seit Anfang dieses Jahres 2009 gilt.
Von diesem Geld zahlen die Kassen 75 % zur Finanzierung der Krankenhäuser, für die Honorare der niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte und für Arzneimittel. Mehr als 5% werden für Verwaltungskosten der Kassen gezahlt (2008 etwa 8,3 Milliarden Euro) und 9 Milliarden Euro für Heil- und Hilfsmittel.
Interessant war auch die Aussage von Frau Dr. Bode, dass von ihr/oder ihrem Mann vor Jahren verordnete Medikamente für Krankheiten, die ursprünglich vom wohnortfernen Facharzt verschrieben wurden, heute noch Regressansprüche von den jeweiligen Krankenkassen gestellt werden.
Die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt favorisiert die Einrichtung von Arztzentren, wie sie im holländischen Gesundheitssystem eingeführt wurden. Das bedeutet für den Patienten, dass er heute von Dr. X und morgen von Dr. Y usw. behandelt wird. Das heute noch bei uns praktizierte Hausarztsystem lässt ein Vertrauensverhältnis vom Arzt zum Patienten zu, was es in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) nicht mehr geben wird.
Ich zitiere aus einem Bericht „ Die Heuschrecken sind unter uns“ des Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Krankenkassenvereinigung Hamburg, Herrn Walter Plassmann: „In Hamburg sind dagegen eher undurchsichtige Finanziers am Werke. Munter kauft das „Atriomed“ ein Medizinisches Versorgungszentrum auf dem Kampnagelgelände Arztsitze auf und verlegt diese von überall her in die Stadtmitte (wo sie keiner so richtig braucht). Abgesehen von den Versorgungslücken, die immer wieder gerissen werden, wundert sich der Eingeweihte über das offensichtlich endlose Füllhorn, das dieses von der Techniker Krankenkasse „unterstütze“ Projekt am Leben erhält. Ein normaler Arzt wäre jedenfalls schon lange von seiner Bank zum Rückzug genötigt worden.
Ausgerechnet die Sozialdemokraten haben im Gesundheitswesen breite Schneisen geschlagen, um Finanzkonzernen und -jongleuren ein neues Betätigungsfeld zu eröffnen. Der engagierte Arzt, der sich um seiner Unabhängigkeit willen kommt im Berufsbild der sozialdemokratischen Gesundheitspolitiker schon lange nicht mehr vor“
(Walter Plassmann erreichen Sie unter www.kvhh.de unter „suchen“. Unter dieser Adresse finden Sie sehr interessante Artikel zu diesen und weiteren Themen, sehr lesenswert)
Was können wir als Bürger tun, um unsere persönliche und vertraute Behandlung durch „unseren“ Arzt zu erhalten, in Neugraben die Ärzte-Fluktuation zu stoppen bzw. die Anzahl der Ärzte für 3.000 Patienten (s.o.) wieder zu erreichen?
Schreiben, schreiben, schreiben. Oder wer hat: per e-mail.
Adressen sind im Internet abrufbar, z.B. an die Bundeskanzlerin unter www.bundeskanzlerin.de warum nicht? Angela Merkel wird sicherlich nicht persönlich antworten. Es geht darum, den von der Mehrheit gewählten Politikern zu vermitteln, dass wir sehr unzufrieden sind mit der Gesundheitspolitik. Es geht auch darum, dass die Folgen der sozialdemokratischen Gesundheitspolitik und deren weitere negative Entwicklung jeden von uns persönlich treffen.
An die eigene Krankenkasse schreiben: „Wo bleibt mein Beitrag?“
An die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg, Humboldtstraße 56, 22083 Hamburg schreiben: „Warum müssen Ärzte, die dafür Sorge tragen, dass die Patienten weiter betreut werden, indem sie in eine Gemeinschaftspraxis eintreten eine Einkommenseinbuße von 75% hinnehmen?“ oder „Wann endlich werden geschlossene Arztpraxen wieder besetzt? Oder wann gibt es einen Nachfolger für die Praxis Dr. Bode?“
Wenn dieser Bericht den Eindruck erweckt, für eine ausreichende ärztliche Versorgung und eine leistungsgerechte Honorierung der Ärzte zu plädieren, so käme es letztlich auch uns zu Gute.
Marlis Krogull